interview boris lokschön

„Wer Software aber so kauft wie in den 90er Jahren, der kauft auch Software aus den 90er Jahren!“

Boris Lokschin – CEO von Spryker gibt Lennart Paul (Senior E-Commerce Consultant bei VOTUM) Auskunft darüber, wie Spryker in bestehende IT-Infrastrukturen integriert werden kann. 

Das Interview mit Boris Lokschin zum Anhören auf Soundcloud:

Lennart Paul: Spryker ist und bleibt ein spannendes Thema. Man merkt, dass die Marktreife für Spryker immer stärker zunimmt. Boris, an welcher Stelle des „Hype Cycles“ befindet ihr euch gerade und was sind die spannenden Learnings aus den letzten Monaten?

Boris Lokschin: Im „Hype-Cycle“ befinden wir uns gerade „on the rise“. Wir sind, mit der aktuellen Version, nun zwei Jahre dabei, noch ist das Thema aber nicht flächendeckend angekommen. Einerseits kennen viele die „Antilope“ schon von einer Konferenz, andererseits ist bei Weitem noch nicht allen klar, was sich dahinter verbirgt und wie wir Probleme wie IT-Produktivität genau adressieren. Es ist eine spannende Zeit für uns, wir arbeiten intensiv mit Kunden, Solution-Partnern wie VOTUM und Industriepartnern zusammen und sorgen so für den Erfolg für alle rund um Spryker.

Andererseits arbeiten wir natürlich auch daran, gegenüber den drei wesentlichen Säulen (Kunden, Partner, Integrationen) zu liefern und so das in uns gesetzte Vertrauen zu bestätigen. Im Bereich der Solution-Partner sehen wir nun immer stärker, dass selbst die größten Agenturen, SI und Beratungen Spryker als Ergänzung in Ihrem Portfolio zusätzlich zu Standard-Systemen wie Hybris oder Magento sehen. Diese Lösungen werden durch uns nicht kannibalisiert, wir lösen andere Probleme, die diese Systeme bisher nicht oder unzureichend adressieren konnten.

Im Bereich der Kunden gibt es ein Learning, dass uns ein wenig überrascht hat: Wir sprechen mit vielen B2B- und Herstellerunternehmen. Wir dachten nicht, dass unsere progressive Message auch in dieser Gruppe so gut ankommt und leicht verwertet wird. Dazu kommen natürlich unsere „klassischen“ Kunden aus den Bereichen der Online Pure Player, der Category Leader sowie digitale Transformationsprojekte.

Lennart Paul: Mit Siroop ging vor über einem Jahr in der Schweiz das erste Projekt auf Spryker-Basis live. Mit Lumas wurde kurz vor Weihnachten ein anderes Projekt auf Spryker bekannt. Gibt es weitere Projekte, die gelauncht werden oder kurz vor dem Launch stehen und über die du sprechen kannst?

Boris Lokschin: Neben denen, die du genannt hast, sind im Markt noch Pets Deli, Contorion, nu3 oder Wine in Black bekannt. Über sich noch in der Entwicklung befindende Kunden  darf ich logischerweise noch nichts verraten. Was aber spannend ist:  Es ist nicht so, dass sich nur ein einziger Kunden- oder Projekttypus herauskristallisiert.

Unsere Solution-Partner machen gerade Projekte in den Bereichen Fashion, Möbel, Baumarkt, Sport, Versicherungen, Banken, Luftfahrt, Automobil, Lebensmittel, Elektronik, Apotheken und einige Marktplätze. Dahinter stehen bekannte Namen und Marken. Ich gehe davon aus, dass wir in Q2 einige Releases sehen werden. Der Projekttypus ist querbeet. Es sind aber tatsächlich wenige Startups dabei. Es sind dafür jedoch z.B. einige Hidden Champions aus dem B2B an Bord. Die derzeitige Kundengröße liegt so ca. um die mehrere hundert Millionen bis eine Milliarde Euro Umsatz.

Wir werden immer häufiger zu Projekten hinzugerufen, bei denen wir die Alternative zu Standard-Sofware-Lösungen sind. Größere Unternehmen sind immer mehr bereit, vom klassischen Einkaufsprozess für Software, dem RFP-Prozess (Request for Proposal, Anm. d. Red.), abzuweichen. Die Ambitionslevel steigen, teilweise auch aus reinem Disruptionsdruck durch digitale Wettbewerber, Online Pure Player.

Lennart Paul: Wenn man dir bei Twitter folgt (@boris_lokschin), sieht man, dass du auch viel im Ausland unterwegs bist, z.B. in der Schweiz und UK. Wie geht ihr bei Spryker als Company mit der Internationalisierung um und welche Länder nehmt ihr als nächstes in Angriff?

Boris Lokschin: Momentan haben wir einen sehr starken Fokus auf die DACH-Länder. Das Potenzial hier ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Hier ist Markt-Education unser wichtigstes Ziel.

Außerdem haben wir mit Versuchen in UK und Frankreich begonnen. 2017 werden wir auch in diesen Märkten unsere Aktivitäten ausbauen. Wir sind etwas überrascht, dass Spryker international so großen Anklang findet, obwohl wir wenig dafür tun. Wir starten demnächst unser erstes Projekt in den USA. Auch in Indien startet bald ein spannendes Projekt. Zudem erreichen uns Anfragen aus Brasilien und Spanien. Selbst bis nach Neuseeland und Australien reicht unsere Sichtbarkeit, dort haben wir auch schon Anfragen generiert.

Lennart Paul: Große, etablierte Unternehmen sehen heute um sich herum Startups und neue digitale Wettbewerber entstehen. Mit dieser Entwicklungsgeschwindigkeit wollen die Unternehmen natürlich auch mithalten, werden aber oft durch ihre eigene IT Infrastruktur gebremst. Spryker haben viele als „Grüne-Wiese-System“ im Kopf. Ist Spryker eigentlich auch für den Einsatz in Legacy IT-Infrastrukturen denkbar?

Boris Lokschin: Ja, absolut. Ein Großteil der Projekte, die aktuell laufen, sind Replatforming- oder Migrationsprojekte.

Es gibt ja eine Art „Big-Bang-Replatforming“, bei der ein Legacy-System eingesetzt wird, das einige Jahre im Einsatz war, nun aber abgelöst werden soll. Oft liegen die Gründe in der gestiegenen Komplexität oder der „verbogenen“ Architektur. Dann wird parallel eine Kopie dieses Systems hochgezogen und das alte System dadurch abgelöst. Unternehmen laufen dabei oft in die Scope-Falle: Man verfällt dem Gedanken, dass man mindestens die selben Funktionalitäten wieder haben muss, die man vorher auch hatte. Das ist aber oft ein Trugschluss, weil gewachsene Systeme immer Features mitbringen, von denen heute keiner mehr weiß wofür sie überhaupt notwendig sind oder was sie bringen. Auch fehlen oft ehemals bestehende Nutzer oder Stakeholder. Und natürlich werden Features obsolet weil sich der Markt weiter entwickelt, dreht oder neue Technologien oder Konzepte entstehen.

Migrationsprojekte sind da deutlich smarter und geschmeidiger. Hier kann man sich die technischen Eigenschaften von Spryker besonders zu Nutze machen.  Somit schafft man einen flüssigen Übergang des Ist-Zustandes in die Soll-Architektur. Idealerweise geschieht so etwas Komponente für Komponente. Bei Spryker nennen wir das „Bundles“, z.B. „Product“, „Stock“ oder „Discounts“. Diese Bundles sind unabhängig voneinander und können wie Legosteine zusammengebaut werden.

Ich kann also mein monolithisches Legacy-System aufschneiden und mir überlegen, ob ich z.B. funktionale Elemente wie ein PIM oder CRM zuerst herauslöse. Ich kann mir auch überlegen, ob ich die Elemente entlang der Customer Journey ordnen kann. Mit Spryker kann man hier schnell Ergebnisse erzielen, auch wenn man keinen klar isolierten MVP hat. Es funktioniert dann besonders gut, wenn ich Elemente definiere, die ich vom Umfang her end-to-end bauen kann.

Ich kann also bei Spryker einen Einstieg mit z.B. einigen wenigen von derzeit über hundert Bundles starten. Ich kann genau so mit hundert Bundles starten und dann nach und nach lernen und merken, welche Dinge ich mit anderen Technologien besser lösen kann oder muss. Nach und nach können dann Bundles durch dedizierte Systeme, wie z.B. ein CMS oder PIM, ersetzt werden. Auch ist ein Schnitt entlang des Frontends denkbar, z.B. erst den Katalog bis zum Warenkorb/Checkout ablösen und anschließend diesen Rest nachziehen. Oder auch Backend Prozesse als erstes heraustrennen.

Lennart Paul: Ich fasse kurz zusammen: Spryker ist für den Einsatz in Legacy-Systemen denkbar, da ich jede einzelne Komponente, sofern sinnvoll geschnitten, damit ersetzen kann. Zusätzlich kann ich neue Themen dazu bauen, wenn ich z.B. mein Geschäftsmodell erweitern will. Spryker ist also keine binäre Entscheidung, sondern ein sehr flexibler Ansatz.

Boris Lokschin:  Wir sagen „MVP over RFP“ (MVP = Minimum Viable Product; RFP=Request For Proposal) . Was heißt das? Der RFP-Prozess ist eine Art Software einzukaufen, die in den 90ern modern war. Wer Software aber so kauft wie in den 90er Jahren, der kauft auch Software aus den 90er Jahren!

In die Excel-Tabellen der RFP-Prozesse passen Themen wie „gesteigerte IT-Produktivität“ oder „mehr ausprobieren“ nicht rein. Es wird sehr viel Zeit damit verbracht, die Happiness der Fachabteilungen zu bedienen. Da spielt man dann „Wünsch dir was“ und fragt Leute, die Bedeutung, Komplexität und Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht einschätzen können. Am Ende kommt eine Excel-Tabelle mit 300-500 Zeilen dabei raus.

Das kostet alles Zeit. Allein die Anforderungssammlung kostet auf diese Art und Weise vier bis sechs, sieben Monate. Bis dann am Ende ein Produkt dabei herauskommt, sind zweieinhalb Jahre vergangen. Die Projekte sind dann over Time und over Budget. Wenn ich heute etwas starte, das frühestens in zwei Jahren launcht, dann ist es eigentlich schon zum Scheitern verurteilt.

Wir sagen „MVP over RFP“ nicht, weil wir MVPs so cool finden oder es in Berlin irgendwie hip ist. Sondern, weil die RFP-Prozesse dazu führen, dass die getätigte Zeit- und Geldinvestition nicht mehr refinanzierbar sein wird. Mit Spryker haben wir eine Technologie, die genau dafür gebaut worden ist: Agilität und Geschwindigkeit zu ermöglichen.

Lennart Paul: Aus Entscheidersicht ist immer eine Risikobetrachtung nötig. Was sind denn die technischen und organisatorischen Risiken, wenn ich Spryker in einem derartigen Kontext einsetzen möchte?

Boris Lokschin: Die Frage muss ja eher sein „Was sind die Alternativen?“. Aus der Risikoperspektive müsste ich ja immer Oracle oder IBM kaufen. Für diese Entscheidungen ist ja angeblich noch nie jemand gefeuert worden.

Viele hängen heute mit ihren Digitalisierungbemühungen so weit hinterher, haben geringe E-Commerce Umsätze und sehen, dass Wholesale nicht wächst, Retail nicht wächst und die Produktivität des POS pro Quadratmeter Fläche abnimmt. Obwohl es vielleicht stationär noch ganz gut läuft, gibt es mittlerweile einen digitalen Wettbewerber, der hunderte Millionen Euro Umsatz online generiert und Category Leader ist. Dann, glaube ich, muss man anders an diese Frage herangehen.

Spryker ist noch nicht in 500 Projekten eingesetzt und hat noch keine 300 Implementierungspartner weltweit. Alles valide Punkte. Doch was waren die Learnings aus den anderen Projekten? Wie viele Millionen Euro und wie viel Zeit ist da rein geflossen, was hat es geholfen? Kann ich jeden Tag Code deployen? Kann ich schnell Dinge ausprobieren und Experimente machen? Wenn man mehr über die Ambition kommt und Gas geben möchte, ist Spryker das deutlich geringere Risiko.

Aus Lizenzkostensicht haben wir ein sehr geringes Risiko. Der Trashhold ist eine Arbeitsplatzlizenz für einen Monat. Wer ein kleines, agiles Team von vier bis sechs Leuten für drei Monate beschäftigt um z.B. einen MVP zu launchen, hat lizenztechnisch kein Risiko. Zudem reden wir heute von ROI-Zeiträumen von zwei bis maximal drei Jahren. Keiner weiß, welches Device oder welcher Service morgen Standard oder vom Endkunden gefordert ist. Vom methodischen Ansatz lässt sich mit Spryker diesen Risiken viel eher begegnen.

Lennart Paul: Wenn wir nun die Chancen über die Risiken betrachten und uns dazu entscheiden, in einem Legacy-System mit Spryker zu arbeiten: Was sind dann unsere Perspektiven? Habe ich als CIO oder CEO die Perspektive zusagen, dass ich in zehn oder fünf Jahren alle meine Anwendungen und Systeme auf Spryker-Basis umgebaut habe?

Boris Lokschin:  Ich weiß nicht, was in fünf oder zehn Jahren passieren wird. Per Definition ist Spryker erst mal eine Infrastruktur-Technologie. Es ist ein Baukasten, der es mir ermöglicht, Dinge zu bauen, die mir hoffentlich dazu verhelfen, einen Wettbewerbsvorteil zu erhalten. Auch über mein Sortiment hinaus, ob in Personalisierung, Logistik, Bots oder anderen Funktionalitäten.

Wir wissen wirklich nicht, was passieren wird. Selbst in zwei, drei Jahren. Als E-Commerce- oder IT-Leiter weist du das auch nicht und kannst es nicht wissen. Es ist eben keine ERP-getrieben Zeit mehr, in der du stetig Software für die nächsten 10 Jahre kaufst. Es ist eine kundenzentrische Zeit. Das bringt automatisch mit , dass Kundenerwartungen sich deutlicher und schneller ändern und jeder von uns nach Innovationen, Experimenten und neuen Gadgets und Devices schreit.

Das schließt sich ja an die vorherige Frage an. Für uns ist es gar keine Alternative, nicht zu handeln. Es gibt eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, aus dem Online-Markt auszuscheiden oder nicht signifikant daran teilzunehmen, wenn ich nicht die „Best Practices“ der Firmen links und rechts von mir adaptieren kann und das Spiel mitspiele.



22. Februar 2017

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